Carola Netz
Von der Theaterbühne direkt auf den Regiestuhl

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Es gibt Menschen, deren ehrenamtliches Engagement nicht nur über Jahrzehnte anhält, sondern sich in mehreren Vereinen, Institutionen und Gruppierungen widerspiegelt. Ein Paradebeispiel liefert Carola Netz aus Unadingen (59), für die das Ehrenamt seit ihrer Jugend zu einer der Selbstverständlichkeiten zählt.

Seit 1995 führt die Mutter zweier erwachsener Kinder Regie beim Unadinger Theater, dem sie seither auch als Souffleuse zur Verfügung steht. Schon als Jugendliche stand sie als Akteurin auf der Theaterbühne im Ochsen und erinnert sich noch gut an ihre erste Rolle in der sie als Jugendliche die Mutter ihres zwei Jahre jüngeren Theaterkollegen Thomas Rosenstiel (heute Stadtbaumeister) spielen musste. "Das hat sicher nicht sehr authentisch gewirkt" glaubt sie.

Nach mehrjähriger Pause schlüpfte sie erstmals wieder 1991 in eine Theaterrolle. Wie sie an den Job als Regisseurin kam, weiß sie noch genau. Die Familie saß gerade beim Mittagessen, als der damalige Vorsitzende des SV Unadingen als Ausrichter des Weihnachtstheaters, Hermann Kaiser, anrief und ihr Interesse auslotete. Die Kinder waren es schließlich, die die früh Verwitwete trotz ihrer Vorwarnung "Euch muss aber schon klar sein, dass ich dann vor Weihnachten dreimal in der Woche fort bin" ermunterten, die Theaterregie zu übernehmen. Ihre Abwesenheit steigerte sich noch durch ihr Amt als Ortschaftsrätin, das sie zehn Jahre lang ausübte, und durch ihre Verpflichtung als langjährige Leiterin und Choreografin der Stiefelgarde.

Die Stücke "Familienkrach im Doppelpack" mit Volker Oschwald in der Paraderolle als singender Liebhaber oder "Maximillian der Starke" mit Heike Müller als Knecht und mit Hugo Morath (er ist ebenfalls seit 20 Jahren dabei) und Walburga Koßbiel als Liebespaar zählt sie zu ihren Lieblingsstücken. "Wegen des Liebesspiels musste das Kruzifix an der Wand ständig umgedreht werden" amüsiert sie sich noch heute.

Mit ihrer Truppe habe sie ein sehr gutes Verhältnis, das gemischte Alter erleichtere ihr die Rollenbesetzung: "Das muss authentisch sein. Eine Perücke und Brille macht aus einem Jungspund einfach keinen weisen alten Mann." Doch bevor es soweit ist, sucht sie schon im Sommer die Theaterstücke nach den Möglichkeiten aus, die ihr die Anzahl der zur Verfügung stehenden Akteure und die Kulisse in der Bürgerhalle (möglichst keine großen Umbaumaßnahmen) bietet. "In diesem Jahr waren es über 20 Stücke, aus denen dann drei oder vier in die engere Wahl kamen" lässt die Mitarbeiterin des Regierungspräsidiums Freiburg intensive Lesestunden im Bett oder im Zug auf dem Weg zur Arbeit erkennen. Seit einigen Jahren wird sie beim Lesen von einigen Mitwirkenden unterstützt. Manchmal geben ihr auch Theater spielende Arbeitskollegen Tipps.

Wenn die Wahl getroffen ist, gilt es, passende Probentermine zu finden: "Das ist nicht einfach, elf Leute unter einen Hut zu bringen, vor allem, wenn Spätschichtler und Studenten dabei sind." Ihre größte Sorge gilt dem Wohlergehen der Akteure, da es keine Doppelbesetzungen gibt: "Wenn einer der Hauptakteure kurzfristig ausfällt, können wir das Theater abblasen." Dieses Horrorszenario blieb ihr jedoch bis heute erspart.

Mittlerweile sind Tochter Franziska und Sohn Martin ebenfalls vom Theatervirus infiziert, wobei die Tochter von sich aus einmal in die Bresche sprang. Bei Sohn Martin war etwas Nachdruck dabei, in dem sie ihm und dessen Freund Thomas bei einer der üblichen Transportfahrten zu einer Landjugendveranstaltung eröffnete, dass sie noch zwei Theaterspieler brauche: "Entweder Ihr spielt mit oder ich dreh grad wieder um." Es klappte.

Überhaupt ist Carola Netz eine Frau der Tat, was auch die Landfrauen bestätigen können. Als sich 1984 in der Hauptversammlung partout keine Nachfolgerin für die damalige Vorsitzende Brunhilde Köpfler finden lassen wollte, wurde ihre laut geäußerte Verständnislosigkeit von einer Vereinskollegin mit den Worten "Mach’s doch Du" kommentiert. Sie war dabei. Den Posten der Vorsitzenden übte sie mit ihrer unkomplizierten und flexiblen Art und zur Freude der Landfrauen bis 2001 aus. Heute steht sie ihnen als Gymnastikleiterin zur Verfügung.

Dass sie den Draht zu Alt und Jung gleichermaßen hat, zeigt auch ihr Engagement bei der Ministiefelgarde, mit denen sie derzeit wieder die richtigen Tanzschritte für die Fasnet einstudiert. Was macht Hanselemitglied Carola Netz, wenn sie nicht durch Theater, Fasnet, Gymnastik oder ihren Arbeitgeber, bei dem sie sich mittlerweile in Altersteilzeit befindet, nicht gefordert wird? "Dann geh ich Holzmachen" verrät die umtriebige Unadingerin.

Christa Maier BADISCHE ZEITUNG 26. Jan. 2012